Was bedeutet Anthropomorphismus und welche Rolle spielt er?

In meinem Bestreben, in der Rubrik “100 vegane Fragen” nach und nach verschiedene grundlegende Fragen zu beantworten, die wir Veganer immer wieder gestellt bekommen, habe ich heute den ersten “Theorie”-Beitrag verfasst. Ich hoffe, er ist erhellend. Bin schon gespannt auf die ersten empörten Erwiderungen der Haustierbesitzer….

Der Begriff Anthropomorphismus bedeutet zunächst einfach nur “Vermenschlichung”, bzw. die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften auf etwas, das diese nicht zwangsläufig hat, da es kein Mensch ist: Tiere, Gegenstände, Gottheiten, etc.. Beispielsweise spielt dieser Gedanke eine große Rolle in der Religion, wo vielfach Götter und Gottheiten in Menschengestalt gedacht werden, und mit menschlichen Eigenschaften versehen sind – man denke nur an die griechische Götterwelt.
Im Zusammenhang mit Veganismus wird Veganern gelegentlich Anthropomorphismus vorgworfen: wenn sie (fälschlicherweise) sagen/behaupten/implizieren, dass Tiere genauso empfänden wie Menschen – um daraus abzuleiten, dass Misshandlung und Tötung nicht zulässig sind. Und hier wird es kompliziert.

  • Tatsächlich haben diejenigen, die diesen Vorwurf erheben, insoweit recht, als wir nicht wissen und nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft auch nicht wissen können, was Tiere empfinden. Wann immer wir dies sicher zu wissen glauben, bestätigen wir den Vorwurf, weil wir glauben, das Tier sei uns gleich. Wir wissen eben nicht, was eine Kuh auf der Weide denkt, inwieweit sie überhaupt denkt, welche Empfindungen sie hat, oder wie sie die Welt wahrnimmt.
  • Insbesondere die Besitzer von Haustieren werden nun einwenden, dass sie ihr Tier so gut kennen, dass sie das sehr wohl können – aber nüchtern betrachtet irren sie. Sie können allenfalls begründete Annahmen treffen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit korrekt sind. Und das funktioniert auch nur bei manchen Tieren (wie Hunden oder Katzen) – kaum ein Aquarienbesitzer würde wohl ernsthaft behaupten, er könne den Gemütszustand seiner Fische, Muscheln oder Seesterne nachempfinden. Man könnte auch sagen: Je menschenähnlicher ein Tier ist, desto leichter fällt der Anthropozentrismus.
  • Man irrt auch – bzw. erliegt dem Anthropozentrismus – wenn man glaubt, dass Tiere oder gar Pflanzen die gesprochene (intellektuelle) Sprache verstehen. Mein am eigenen Knöchel leidvoll erfahrenes Gegenbeispiel sind all jene Hundebesitzer, die vollmundig “Der beisst nicht!” verkünden – tut er aber eben doch manchmal. Weder wussten diese Herrchen, was ihr Hund gerade denkt, noch hat ihre Kommunikation den Hund irgendwie beeinflusst. Das Trainieren (von Kunststückchen) ist keine Sprachverständlichkeitsleistung des Tieres, sondern eher Einübung, Repetition und simple Reaktion.
  • Nun wäre es aber zu einfach, eine generelles Nicht-Wissen-Können und Nicht-Verstehen-Können zu konstatieren, und sich infolgedessen argumentativ gemütlich zurückzulehnen. Denn natürlich können wir wahrnehmen und (in menschlicher Weise!) nachempfinden, wenn ein Tier hungrig ist, oder leidet, oder sich freut. Zu konstatieren, dass man menschliches Empfinden und Denken nicht eins zu eins auf Tiere übertragen kann, bedeutet keineswegs, dass Tiere nicht dennoch denken oder empfinden. Nur wie, das wissen wir nicht genau.
  • Es wird gelegentlich argumentiert, dass die Tötung von Tieren insofern zulässig sei, als Tiere keine Vorstellung von der Zukunft hätten, und ihnen das Leben zu nehmen folglich kein grausamer Akt sei. Die Schwierigkeit des Arguments liegt unter anderem darin, dass es wahrscheinlich richtig ist, anzunehmen, dass Tiere nicht in die Zukunft denken, und insofern keine Zukunftsangst und auch keine in die Ferne gerichtete Todesangst haben, anders als der Mensch. Umgekehrt ist es aber auch so, dass Tiere, die der Schlachtung zugeführt werden, durchaus Panik entwickeln können. Ob diese sich allerdings auf den bevorstehenden Tod oder nur auf unangenehme Umgebungsfaktoren wie Enge, oder unruhige andere Tiere bezieht, wird sich auch kaum sicher herausfinden lassen. Davon abgesehen trifft das Fehlen von Zukunftsvorstellung oder abstrakter Todesangst wahrscheinlich auch auf kleine Kinder zu, und daraus hat auch noch niemand abgeleitet, dass deren Tötung deswegen zulässig sei – aber das ist eine andere Problematik jenseits des Anthropomorphismus.
  • Ebenfalls hin und wider begegnet man dem Gegenargument, dass der Anthropomorphismus-Vorwurf fehlgehe, weil nämlich eigentlich Menschen Tiere seien. Daran ist sowohl etwas Wahres wie auch etwas Unwahres: Natürlich unterscheiden sich Menschen und Tiere, zum Beispiel in der Fähigkeit zu höherer Intelligenz und Abstraktion. Insofern ist eine Gleichsetzung falsch. Andererseits sind beide empfindsame Wesen, ausgestattet mit der Fähigkeit, Glück und Leid zu empfinden – insofern gleichen sie sich durchaus.
  • Können Tiere wirklich Glück empfinden? Diese Schweine hier wahrscheinlich schon…

Fazit: Wer im Sinne des Veganismus argumentiert, sollte “platten Anthropomorphismus”, also eine weitgehende Gleichsetzung von Mensch und Tier, bzw. eine Vermenschlichung von Tieren vermeiden. Umgekehrt ist es aber zulässig zu argumentieren, dass Tiere durchaus empfindsam (und in gewissem Maße auch intelligent) sind. Was daraus abzuleiten ist, wird im Folgenden behandelt.

Kommentare

  1. Matthias meint

    Wahnsinnig wichtiger Punkt. Die anthropomorphe Denkweise ist im Bezug auf den Veganismus eine Sackgasse. Leider ist es trotzdem, ich würde sagen die populärste Herangehensweise. Vielen Dank für diesen Beitrag!

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