100 vegane Fragen

Diese Seite soll einen Überblick über die wichtigsten Fragen rund um vegane Ernährung geben. Natürlich werden es kaum jemals 100 Fragen sein, sondern eher mehr oder weniger – aber man braucht ja einen griffigen Titel.
Ich werde versuchen, die Fragen vernünftig, rational, unvoreingenommen und nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu beantworten. Manchmal sind in den Antworten sowohl Fakten als auch Meinungen enthalten, aber ich denke, dass der Unterschied recht klar erkennbar sein sollte.
Die Fragen mit schwarzem Titel sind bereits beantwortet. Die Fragen mit grauem Titel sind gestellt, aber noch nicht beantwortet – ich arbeite dran. Gerne nehme ich auch neue Fragen jederzeit entgegen.
Natürlich habe ich mir das alles auch nicht selbst ausgedacht, und es gibt diverse Quellen, die ich für die Antworten zu Rate gezogen habe. Eine Auflistung folgt, früher oder später.

Grundlagen

Was bedeutet vegan?
Vegan bezeichnet eine Ernährungsweise bzw. einen Lebensstil, der vollständig ohne tierische Produkte auskommt. Dazu zählt auch der Einsatz tierischer Produkte in der Verarbeitung, auch wenn diese nicht im Endprodukt enthalten sind. Es gibt verschiedene Motivationen bzw. Ausgangspunkte für vegane Ernährung, darunter vor allem: Ethik, Gesundheit, Welternährung, Naturschutz & Klimaschutz. Veganismus kann insofern auch als konsequentere oder radikalere Weiterentwicklung des Vegetarismus betrachtet werden, welcher (im allgemeinen Sprachgebrauch) z.B. auch den Verzehr von Milchprodukten, Eiern oder Honig zulässt. Eine vegane Lebensweise schließt zudem die Verwendung tierischer Produkte in allen Lebensbereichen, z.B. Kleidung, aus.
Was darf ich als Veganer noch essen?
Einfacher ist in diesem Fall die Beantwortung der Frage, was man nicht mehr essen darf: Alle tierischen Produkte: Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Käse, Butter, Honig, Eier, sowie alle Lebensmittel, bei denen tierische Produkte im Produktionsprozess zum Einsatz kamen, wie etwa Eiweiß in der Klärung verschiedener Flüssigkeiten (z.B. teilweise bei Wein und Bier). Bei einer konsequent veganen Lebensweise sind tierische Produkte auch in allen anderen Lebensbereichen verboten, z.B. in Kosmetika (wo sie sehr häufig zum Einsatz kommen), oder in der Kleidung (z.B. Schafwolle oder Lederschuhe). In der Realität gibt es hier allerdings fließende Übergänge und Grauzonen, siehe unten.
Was bleibt da überhaupt noch übrig?
Zum Glück eine ganze Menge: Obst, Gemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte, und z.B. auch (mit gewissen Einschränkungen) Alkohol und Schokolade. Sojamilch und Sojajoghurt (sowie Pendants basierend auf verschiedenen anderen Getreiden) könenn Milch nahezu gleichwertig ersetzen. Zudem gibt es vor allem auf Soja- und Weizenprotein-Basis eine Vielzahl an Produkten, die tierische Lebensmittel imitieren sollen: Tofu, Seitan, Tempeh, veganen Käse, sowie vegane Fertigprodukte wie Bratstücke, Schnitzel, Wurst, etc.
Wer hat's erfunden?
Der Begriff “vegan” wird auf den Engländer Donald Watson zurückgeführt, der 1944 wie Vegan Society gründete um den Vegetarismus konsequent weiterzuentwickeln. Allerdings ist Watson keineswegs der Erfinder der veganen Lebensweise. Wer als erster auf diese Idee kam, wird kaum zu beantworten sein. Wahrscheinlich haben sich entsprechende Ansätze mehrfach und parallel in der Menschheitsgeschichte entwickelt. Beispielsweise findet sich der Veganismus auch als Bestandteil der alten indischen Religion des Jainismus wieder, dessen Leitidee des “Ahisma” beinhaltet, keine Lebewesen zu verletzen.
Ist veganes Essen lecker?
Na aber hallo! Auf jeden Fall! Dieses Blog sollte hoffentlich Beweis genug dafür sein, und natürlich gibt es noch zahllose weitere tolle Blogs sowie eine wachsende Zahl an sehr gut gemachten Kochbüchern. Eines der bekanntesten, Attila Hildmanns “Vegan for Fit”, war 2013 deutschlandweit das meistverkaufteste Kochbuch! Was vielleicht noch unterentwickelt ist, ist eine Art vegane Gourmetküche (für den Hausgebrauch), wobei die Gemüseküche auch in Gourmetrestaurants eine immer größere Rolle spielt.
Ist veganes Essen schwierig zu kochen?
Grundsätzlich nicht. Bei manchen Rezepten oder Gerichten, bei denen tierische Produkte eine wichtige Funktion erfüllen (etwa Eier für die Bindung) braucht man allerdings ein wenig Wissen und Erfahrung, wie man diese am besten ersetzen kann. Siehe auch unten.
Ist vegane Ernährung teuer?
Nicht grundsätzlich. Tatsächlich ist eine Ernährung, die auf viel Fleisch oder (teures) hochwertiges Fleisch verzichtet, sogar deutlich billiger. Allerdings gibt es zwei Einschränkungen: Kauft man zugleich alle Zutaten in Bio-Qualität, dann ist zumindest der Preis dieser Lebensmittel schon teurer als normale Supermarktware – dafür aber auch meistens von besserer Qualität. Und: Manche Zutaten können schon vergleichsweise teuer sein, etwa verschiedene Nuss-Muse, bestimmte Müsli-Spezialitäten, manche Soja-Ersatzprodukte, sowie spezielle Backzutaten wie Johannisbrotkernmehl oder Lecithin. Alles in allem hat sich mein Lebensmittel-Budget aber etwas reduziert, da man sich auch generell bewusster und maßvoller ernährt.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen vegan und bio?
Nicht zwingend. Man kann sich durchaus vegan ernähren und dabei nur im Supermarkt oder Discounter (und entsprechend preiswert) einkaufen. Allerdings ist es nicht sehr sinnvoll: Sowohl aus Überlegungen des Naturschutzes, des Klimaschutzes, und in Teilen auch der Gesundheit und der Ethik ist der Kauf von Bio-Zutaten deutlich konsequenter und somit zu bevorzugen. Oftmals schmecken solche Zutaten auch besser. Viele vegane Produkte gibt es auch überwiegend im Bioladen oder Reformhaus. Und ein Einkauf auf dem Markt ist zudem ein Erlebnis für die Sinne – wobei keineswegs jeder Bauer oder Marktanbieter biologisch arbeitet oder nur regionale Ware anbietet.

Ethik & Philosophie

Was bedeutet Anthropomorphismus?
Der Begriff Anthropomorphismus bedeutet zunächst einfach nur “Vermenschlichung”, bzw. die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften auf etwas, das diese nicht zwangsläufig hat, da es kein Mensch ist: Tiere, Gegenstände, Gottheiten, etc.. Beispielsweise spielt dieser Gedanke eine große Rolle in der Religion, wo vielfach Götter und Gottheiten in Menschengestalt gedacht werden, und mit menschlichen Eigenschaften versehen sind – man denke nur an die griechische Götterwelt.

Im Zusammenhang mit Veganismus wird Veganern gelegentlich Anthropomorphismus vorgworfen: wenn sie (fälschlicherweise) sagen/behaupten/implizieren, dass Tiere genauso empfänden wie Menschen – um daraus abzuleiten, dass Misshandlung und Tötung nicht zulässig sind. Und hier wird es kompliziert.

  • Tatsächlich haben diejenigen, die diesen Vorwurf erheben, insoweit recht, als wir nicht wissen und nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft auch nicht wissen können, was Tiere empfinden. Wann immer wir dies sicher zu wissen glauben, bestätigen wir den Vorwurf, weil wir glauben, das Tier sein uns gleich. Wir wissen eben nicht, was eine Kuh auf der Weide denkt, inwieweit sie überhaupt denkt, welche Empfindungen sie hat, oder wie sie die Welt wahrnimmt.
  • Insbesondere die Besitzer von Haustieren werden nun einwenden, dass sie ihr Tier so gut kennen, dass sie das sehr wohl können – aber nüchtern betrachtet irren sie. Sie können allenfalls begründete Annahmen treffen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit korrekt sind. Und das funktioniert auch nur bei manchen Tieren (wie Hunden oder Katzen) – kaum ein Aquarienbesitzer würde wohl ernsthaft behaupten, er könne den Gemütszustand seiner Fische, Muscheln oder Seesterne nachempfinden. Man könnte auch sagen: Je menschenähnlicher ein Tier ist, desto leichter fällt der Anthropozentrismus.
  • Man irrt auch – bzw. erliegt dem Anthropozentrismus – wenn man glaubt, dass Tiere oder gar Pflanzen die gesprochene (intellektuelle) Sprache verstehen. Mein am eigenen Knöchel leidvoll erfahrenes Gegenbeispiel sind all jene Hundebesitzer, die vollmundig “Der beisst nicht!” verkünden – tut er aber eben doch manchmal. Weder wussten diese Herrchen, was ihr Hund gerade denkt, noch hat ihre Kommunikation den Hund irgendwie beeinflusst. Das Trainieren (von Kunststückchen) ist keine Sprachverständlichkeitsleistung des Tieres, sondern eher Einübung, Repetition und simple Reaktion.
  • Nun wäre es aber zu einfach, eine generelles Nicht-Wissen-Können und Nicht-Verstehen-Können zu konstatieren, und sich infolgedessen argumentativ gemütlich zurückzulehnen. Denn natürlich können wir wahrnehmen und (in menschlicher Weise!) nachempfinden, wenn ein Tier hungrig ist, oder leidet, oder sich freut. Zu konstatieren, dass man menschliches Empfinden und Denken nicht eins zu eins auf Tiere übertragen kann, bedeutet keineswegs, dass Tiere nicht dennoch denken oder empfinden. Nur wie, das wissen wir nicht genau.
  • Es wird gelegentlich argumentiert, dass die Tötung von Tieren insofern zulässig sei, als Tiere keine Vorstellung von der Zukunft hätten, und ihnen das Leben zu nehmen folglich kein grausamer Akt sei. Die Schwierigkeit des Arguments liegt unter anderem darin, dass es wahrscheinlich richtig ist, anzunehmen, dass Tiere nicht in die Zukunft denken, und insofern keine Zukunftsangst und auch keine in die Ferne gerichtete Todesangst haben, anders als der Mensch. Umgekehrt ist es aber auch so, dass Tiere, die der Schlachtung zugeführt werden, durchaus Panik entwickeln können. Ob diese sich allerdings auf den bevorstehenden Tod oder nur auf unangenehme Umgebungsfaktoren wie Enge, oder unruhige andere Tiere bezieht, wird sich auch kaum sicher herausfinden lassen. Davon abgesehen trifft das Fehlen von Zukunftsvorstellung oder abstrakter Todesangst wahrscheinlich auch auf kleine Kinder zu, und daraus hat auch noch niemand abgeleitet, dass deren Tötung deswegen zulässig sei – aber das ist eine andere Problematik jenseits des Anthropomorphismus.
  • Ebenfalls hin und wider begegnet man dem Gegenargument, dass der Anthropomorphismus-Vorwurf fehlgehe, weil nämlich eigentlich Menschen Tiere seien. Daran ist sowohl etwas Wahres wie auch etwas Unwahres: Natürlich unterscheiden sich Menschen und Tiere, zum Beispiel in der Fähigkeit zu höherer Intelligenz und Abstraktion. Insofern ist eine Gleichsetzung falsch. Andererseits sind beide empfindsame Wesen, ausgestattet mit der Fähigkeit, Glück und Leid zu empfinden – insofern gleichen sie sich durchaus.
  • Können Tiere wirklich Glück empfinden? Diese Schweine hier wahrscheinlich schon…

Fazit: Wer im Sinne des Veganismus argumentiert, sollte “platten Anthropomorphismus”, also eine weitgehende Gleichsetzung von Mensch und Tier, bzw. eine Vermenschlichung von Tieren vermeiden. Umgekehrt ist es aber zulässig zu argumentieren, dass Tiere durchaus empfindsam (und in gewissem Maße auch intelligent) sind. Was daraus abzuleiten ist, wird im Folgenden behandelt.

Was muss ich über Utilitarismus wissen?

Die Tierethik der Neuzeit – also vor allem die Frage, ob und welche Rechte Tiere haben, und was daraus für den Umgang mit ihnen zu folgern ist – hat ihren Usprung in der Philosophie des Utilitarismus. Als seine wichtigsten Urheber gelten Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873). Auf Jeremy Bentham geht auch die wohl früheste Position der westlichen Neuzeit zur Frage von Tierrechten zurück, zu finden in The Principles of Morals and Legislation:

„Der Tag mag kommen, an dem der Rest der belebten Schöpfung jene Rechte erwerben wird, die ihm nur von der Hand der Tyrannei vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, ein menschliches Wesen hilflos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Vielleicht wird eines Tages erkannt werden, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder die Endung des Kreuzbeins ebenso wenig Gründe dafür sind, ein empfindendes Wesen diesem Schicksal zu überlassen. Was sonst sollte die unüberschreitbare Linie ausmachen? Ist es die Fähigkeit des Verstandes oder vielleicht die Fähigkeit der Rede? Ein voll ausgewachsenes Pferd aber oder ein Hund ist unvergleichlich verständiger und mitteilsamer als ein einen Tag oder eine Woche alter Säugling oder sogar als ein Säugling von einem Monat. Doch selbst wenn es anders wäre, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht: können sie verständig denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?“ (zitiert nach Wikipedia)

Weiter ausgeführt oder ausgefeilt hat Jeremy Bentham diese Position aber nicht, und etwas vereinfachend lässt sich konstatieren, dass sich bis zu Peter Singer und seinem Buch “Animal Liberation” von 1975 kaum jemand weiter auführlich damit beschäftigt hat – zumindest nicht im Sinne weithin bekannter philosophischer Schriften.

Der Utilitarismus basiert auf vier Prinzipien, die zwei große Vorteile mit sich bringen: Sie entsprechen prima facie weitgehend der menschlichen Intuition, und sie kommen ohne nicht-rationale, metaphysische Begründungskonstrukte wie Religion oder Gewissen aus.

  • Das Konsequenzprinzip beinhaltet, dass jede Handlung nach ihren Folgen bewertet wird – sind die positiv, ist die Handlung positiv zu bewerten, und umgekehrt.
  • Das Nutzenprinzip besagt, dass der Wert an einer Handlung (bzw. deren Folgen) nach seinem Nutzen (lat. utilitas) zu bemessen ist. Je größer der Nutzen, desto wertvoller die Handlung.
  • Das Hedonismusprinzip beinhaltet den Bewertungsmaßstab des Nutzens: Der Utilitarismus geht davon aus, dass der Mensch nach der Maximierung von Lust bzw. Glück und der Minimierung von Leid strebt. Je mehr eine Handlung also das Angenehme fördert und das Unangenehme verhindert, desto größer ist ihr Nutzen. Die Frage, ob es einen qualitativen Unterschied zwischen verschiedenen Genuss-/Lustempfindungen gibt, wurde von verschiedenen Denkern unterschiedliche beantwortet.
  • Das Universalismusprinzip legt fest, dass der Nutzen aller betroffenen Akteure betrachtet werden muss (und nicht nur eines Einzelnen bzw. des Handelnden).

Wie bereits das Zitat von Bentham weiter oben gezeigt hat, ist der Utilitarismus zunächst sehr gut geeignet, eine rationale Tierethik zu begründen. Das Hedonsimusprinzp lässt sich ohne Probleme auf Tiere (oder zumindest auf einen relevanten Teil davon) übertragen: Betont wird hierbei insbesondere die Leidensfähigkeit, also die Tatsache, dass Tiere in Nutztierhaltung und vor allem in Massentierhaltung Leid empfinden (können). Insoweit man den Tod als maximales Leid erachtet, ist natürlich unbestreitbar, dass Tiere diesen ebenfalls erleiden.

Das Universalismusprinzip erfordert geradezu, zu den betroffenen Akteuren eben nicht nur Menschen zu zählen – sondern alle leidensfähigen Lebewesen.

Jedoch müssen auch einige Schwachstellen und Fallstricke berücksichtigt werden:

  • Der “klassische” Utilitarismus betrachtet stets die Gesamtsumme von Lust und Leid aller Betroffenen – das klingt fair, ist aber nicht unproblematisch.
  • Nur bei einfachen Handlungen sind die Konsequenzen einer Tat sowie die Auswirkungen auf alle Betroffenen zweifelsfrei zu bestimmen. Denkt man an Handlungen, die sowohl Leid wie auch Nutzen zur Folge haben, oder solche, die eine große Vielzahl an Menschen betreffen, wird die Entscheidung um ein Vielfaches schwieriger.
  • Logischerweise folgt aus der Summenrechnung auch, dass es akzeptabel ist, wenn eine geringe Anzahl an Menschen Leid wiederfährt, wenn zeitgleich an anderer Stelle größeres Glück erzeugt wird. Es wäre im Sinne des (klassischen) Utilitarismus unproblematisch, ja sogar moralisch geboten, einen (1) Menschen zu töten, um drei zu retten.
  • Für die Frage von Tierversuchen bedeutet das beispielsweise recht eindeutig, dass es moralisch richtig ist, an 10.000 Tieren zu experimentieren, wenn damit 100.000 Menschen gerettet werden können. (Im Sinne eines radikalen Utilitarismus dürfte bzw. müsste man sogar an 10.000 Menschen experimentieren, wenn man damit 100.000 Menschen retten könnte – der Gesamtnutzen ist eindeutig maximiert.)
  • Bereits John Stuart Mill hat einen qualitativen Unterschied in verschiedenen Formen des Lustempfindens gesehen: Körperliche Lust (z.B. Sättigung, Wärme, Wohlbefinden, sexuelle Lust) ist dabei weniger wert als geistige, kreative und soziale Freuden. Sein wohlbekannter Schluss lautet: “Es ist besser ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.” (zitiert nach www.philopedia.de)
  • Insoweit man davon ausgeht, dass Tiere vorwiegend körperliche Lust empfinden können, aber keine geistige oder kreative, und allenfalls beschränkte soziale Freuden, ist es im Sinne dieser Lesart des Utilitarismus konsequent, dem Glück der Tiere einen geringeren Wert (und damit eine geringere Priorität) als dem der Menschen zuzusprechen. Andererseits baut die Tierethik weitgehend auf dem Leid-Begriff auf, und wahrscheinlich sind sich Mensch und Tier in der Empfindungsfähigkeit körperlichen Leids weitgehend gleich.

Zur Verteidigung des Utilitarismus muss man an dieser Stelle fairerweise ergänzen, dass er nicht in dieser Entwicklungsstufe stehengeblieben ist – neue Ansätze haben versucht, die genannten Schwachpunkte auszugleichen bzw. zu vermeiden. Die wichtigste Rolle in Bezug zur Tierethik spielt dabei der Präferenzutilitarismus, der von Peter Singer (* 1946) entwickelt wurde. Er unterscheidet sich  durch folgende Punkte:

  •  Anstelle der Gesamtsumme von Glück und Leid betrachtet der Präferenzutilitarismus die Übereinstimmung einer Handlung (bzw. ihrer Folgen) mit den Präferenzen aller Betroffenen (bei Singer ist von “Wesen” die Rede) . Dies eröffnet vor allem ein pluralistischeres Werteverständnis, da die Präferenzen individuell definiert sein können.
  • In je höherem Maße eine Handlung sich mit den Präferenzen der Betroffenen (Wesen) deckt bzw. diese erfüllt, desto besser ist sie aus moralischer Sicht. Tut sie dies (im Einzelfall) nicht, so muss ein Ausgleich für diese Benachteiligung geschaffen werden.
  • Von besondere Bedeutung sind die Präferenzen von Personen, die sich dadurch definieren, dass sie sich ihrer selbst bewusst sind (das schließt Primaten wie z.B. Menschenaffen mit ein).
  • Die Tötung einer Person ist die größtmögliche Verletzung einer individuellen Präferenz, und kann (der getöteten Person gegenüber) normalerweise nicht ausgeglichen werden – deswegen ist sie im Normalfall nicht zulässig.

Für Peter Singer folgt daraus keineswegs eine strikte Ablehnung von Fleischkonsum oder Tierversuch. In einer vielzitierten BBC-Dokumentation diskutiert er mit dem Neurochirurgen Tipu Aziz, der nach eigenen Aussagen in Tierversuchen bei ca. 100 Affen künstlich Parkinson hervorgerufen hat, und mit den Forschungsergebnissen 40.000 Menschen geholfen habe. Singer bestätigt Aziz, dass solcherlei Versuche zulässig seien, sofern es keinen anderen Weg gebe, zu den gleichen Erkenntnissen zu gelangen. Sein Fazit: “If an experiment on a small number of animals can cure disease that affects tens of thousands, it could be justifiable. Whether this is really the case in Professor Aziz’s experiments, about which I was asked in the BBC documentary, is a question I have not studied sufficiently to offer an opinion about.” (zitiert nach “The Independent“).

Auch zur Frage des Fleischkonsums vertritt Singer Standpunkte, die ihm viel Kritik eingebracht haben, die aber weder seiner Position logisch widersprechen, noch grundsätzlich unzulässig sind, nur weil sie provokant sind:

  • Leid in Tierhaltung und Massentierhaltung sind moralisch nicht vertretbar und müssen folglich vermieden werden. Für Singer ist jedoch eine leidfreie oder leidminimierte und folglich hinreichend artgerechte Tierhaltung denkbar.
  • Für Tiere, die sich ihrer Selbst nicht bewusst sind und die kein Verständnis bzgl. des Endes ihrer Existenz haben, ist nicht anzunehmen, dass der Tod Leid bedeutet.
  • Wenn ein Tier nur für den Verzehr “erzeugt” und somit ins Leben gebracht wurde, es dieses Leben leidfrei lebt und leidfrei getötet wird, so ist der Nutzen für das Tier wie auch für den Menschen, der es verzehrt, höher, als wenn es nie gelebt hätte.

Nicht ohne Grund hat der Utilitarismus Zeit seiner Existenz glühende Befürworter und radikale Gegner gefunden: Seine formale Konsistenz und Logik sind bestechend, führen aber nicht immer zu den Ergebnissen, die man sich gewünscht hätte. Auch oder gerade in modernen Lesarten lassen einen die Konsequenzen mit zwiespältigen Gefühlen und vielen offenen Fragen zurück.

Was ist der Schleier des Nichtwissens?
Antwort folgt.
Was ist Speziezismus?
Antwort folgt.

Gesundheit

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Praxis

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